19. Januar 2026

Hybride Jobs mit arbeitspsychologischer Expertise gestalten

Interview mit Prof. Evangelia Demerouti

Evangelia Demerouti ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Technischen Universität Eindhoven. Zudem leitet sie dort die Human Performance Management Group. Sie gehört zu den derzeit bedeutendsten Wissenschaftlerinnen in der Erforschung des Job-Demands–Resources-Modells und des Job Crafting. Cecilia Scheller hat Evangelia im Rahmen des EAWOP Worklab in Athen interviewt und zu den neuesten Forschungsbefunden rund um die proaktive Gestaltung von hybridem Arbeiten befragt.

Du warst jetzt über zwei Jahrzehnte in der Forschung zum Job-Demands-Resources-Modell aktiv. Welche aktuellen Entwicklungen bzw. Erkenntnisse gibt es zum Thema remote- und hybride Arbeit?

Ja, das ist eine sehr interessante Frage. Meiner Meinung nach haben sich vor allem die technologischen Anforderungen verändert. Beschäftigte müssen sich mit all den Plattformen auseinandersetzen, die Remote-Arbeit ermöglichen. In dieser Hinsicht gab es Veränderungen in Bezug auf die Häufigkeit und im Anforderungsniveau der Nutzung von technischen Anwendungen. In diesem Kontext hat sich also auch das Zusammenspiel von Ressourcen und Anforderungen gewandelt.

Leadership scheint eine entscheidende Rolle für den Erfolg von Remote- und Hybridarbeit zu spielen. Welches Führungsverhalten oder welche Führungspraktiken haben basierend auf deiner Forschung den stärksten Einfluss auf das Wohlbefinden und die Leistung der Mitarbeitenden in diesen Arbeitsformen?

Führungskräfte müssen Wege finden, effektiv mit ihren Mitarbeitenden zu kommunizieren, auch wenn diese hybrid arbeiten und nicht physisch vor Ort sind. Es ist wichtig, remote arbeitende Beschäftigte aktiv mit ins Teamgeschehen mit einzubeziehen. Es ist außerdem Aufgabe der Führungskräfte, ihre Remote-Kräfte vor Überarbeitung zu schützen. Des Weiteren spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Wir beobachten zum Beispiel Unternehmen, die Beschäftigte wieder ins Büro zurückholen möchten, weil die Führungskräfte ihren Mitarbeitenden nicht vertrauen, dass sie ihre Arbeit eigenständig erledigen.

Job Crafting wirkt sich nachweislich positiv auf Engagement aus. Wie hat der Wandel hin zu Remote- und Hybridarbeit die Strategien des Job Crafting erweitert?

Theoretisch würde man erwarten, dass Mitarbeitende mehr Möglichkeiten nutzen, ihre Arbeit eigenständig zu gestalten. Praktisch bin ich mir jedoch nicht sicher, ob sie immer die effektivsten und klügsten Wege wählen, um ihre Arbeit zu gestalten – also um zu wissen, was sie benötigen, welche Ressourcen sie nutzen können und wie sie diese optimal einsetzen.

Was versteht man unter Time-Spatial Crafting? Und welche Erkenntnisse hast du in deinen aktuellen Studien dazu gewonnen?

Time-Spatial Crafting ist eine proaktive Strategie, in der Beschäftigte über Ihre Arbeitszeiten und -orte reflektieren und diese bewusst anpassen, damit ihre persönlichen Anforderungen und Bedürfnisse besser berücksichtigt werden. In unserer Forschung konnten wir belegen, dass diese proaktive Gestaltung mit erhöhtem Arbeitsengagement und verbesserter Leistung einhergeht. Damit reiht sich Time-Spatial Crafting in eine lange Reihe erfolgversprechender Job-Crafting-Strategien ein.

Für mich waren Time-und Spatial-Crafting neue Elemente des Job Crafting. Wurden diese im Rahmen der Hybrid-Remote-Studie entwickelt oder haben sie bereits zuvor existiert?

Die Strategien gab es bereits zuvor. Durch den Wandel hin zu stärkerer Remote- und Hybridarbeit haben sie jedoch deutlich an Relevanz gewonnen.

Wir denken beim Thema Job Crafting oft zuerst an Beschäftigte. Wie können jedoch auch Unternehmer und Selbstständige davon profitieren, ihre Arbeit, ihre Zeit und ihre Arbeitsumgebung aktiv zu gestalten?

Es geht vor allem darum, Struktur und Regelmäßigkeit im Arbeitsalltag zu schaffen. Studien zeigen, dass dies eine gesundheitsförderliche Art des Arbeitens ist. Und für Selbstständige bedeutet das, dass sie sich nicht nur um ihr Geschäft kümmern müssen, sondern auch um sich selbst – ihre persönliche Weiterentwicklung, ihre Freizeit, Erholung, Familie und soziale Beziehungen. All das muss bewusst eingeplant werden.

Warum ist Crafting für Unternehmer besonders wichtig– und welche Risiken entstehen, wenn sie es vernachlässigen?

Man braucht auch Zeit für sich selbst – das ist entscheidend. Genau das ist jedoch häufig der schwierigste Punkt: Unternehmer haben oft das Gefühl, keine Zeit zu haben. Doch gerade deshalb ist es wichtig, sich diese Zeit aktiv zu nehmen. Wenn sie es nicht tun, riskieren sie, an Innovationskraft zu verlieren oder nicht so kreativ zu sein, wie sie es gern wären.

Was spricht deine Forschung zu den Themen, die du gerade angesprochen hast?

Wir sehen beispielsweise, dass Job Crafting Menschen hilft, besser mit finanziellem Stress umzugehen. Es trägt dazu bei, das Wohlbefinden hochzuhalten – insbesondere dann, wenn sie ihre Freizeit bewusst gestalten. Wenn sie dies hingegen nicht tun, hat finanzieller Stress sehr starke und nachweislich schädliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Wir haben zudem beobachtet, dass die Art der angewendeten Strategien entscheidend ist: Eine individuell passende Kombination praktischer Crafting-Strategien kann das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit im eigenen Unternehmen deutlich fördern. Fehlt diese, sinkt beides entsprechend. Job Crafting wirkt also als Puffer in stressreichen Situationen. Selbstfürsorge ist für Unternehmer daher essenziell – sowohl für ihre persönliche Gesundheit als auch für den Erfolg ihres Unternehmens.

Wie können Beschäftigte oder Unternehmer beginnen, ihre Zeit und ihren Arbeitsraum zu gestalten?

Wenn Menschen von zu Hause aus bzw. eigenständig arbeiten, kann das gut funktionieren. Müssen sie jedoch auch mit anderen zusammenarbeiten, dann ist es wichtig, Orte oder Strukturen zu schaffen, die den Austausch ermöglichen. Auch Networking Crafting spielt dabei eine zentrale Rolle. Und: Je früher man damit beginnt, desto besser. Wenn eine stressige Situation eintritt, kann man auf bereits entwickelte Strategien und Ressourcen zurückgreifen. Es ist wichtig, Kompetenzen und Gewohnheiten aufzubauen, die in genau solchen Momenten entlastend wirken. Erfahrungsgemäß neigen Menschen unter Stress dazu, in automatische Muster zurückzufallen. Gerade deshalb ist es essenziell, vorab zu investieren – in soziale Kontakte, in klare Strukturen, in persönliche Ressourcen und in die Gestaltung eines unterstützenden Arbeitsumfelds.